Else Lasker-Schülers Paradiesfetzen

Inspiriert hat uns Else Lasker-Schüler, deren 150. Geburtstag dieses Jahr gefeiert wird.

In Ihrem Nachlass finden sich Ideen für die (kind-)gerechte Stadtentwicklung Jerusalems. Es geht ihr um die Elendsviertel und vor allem die armen Kinder. Dort fordert sie „Plätze für große und keine Menschen; in der Mitte der Plätze eine kleine Waldschule etwa von 10-12 Bäumen, die zu einem Wäldchen werden. Auf den Plätzen. Sand für die Kinder zum Spielen.[Werke und Briefe Bd.4.1, S.490] Ihre eigene Kindheit verbrachte sie viel im Wald mit ihrem jüngsten, früh verstorbenen Bruder, der die Namen aller Tiere und Pflanzen kannte.

Wir wohnten am Fuße des Hügels. Steilauf ging‘s von dort in den Wald. Wer ein rotes, springendes Herz hatte, war in fünf Minuten bei den Beeren. Sonntags kamen ganze Familien vom Berge gestiegen, an unserm Haus vorbei. (…) Ich bin immer so stolz auf unseren großen Wald gewesen, in den man, ob man‘s wollte oder nicht, beim Heraufklettern der Sadowastraße hineinblicken mußte.

Immer strömte aus dem Walde frischer, grüner Atem und kräftigte die Lunge. Und jeder Baum, jeder Strauch, der mir heute begegnet, erinnert mich an unseren Wald, in dessen friedliche Augen ich blickte, lachend als Kind.

[Bd.4.1, S.95] Kindheit im Wuppertal.

Das Kunstwerk der Natur als besselte Schöpfung und „grünbroschiertes Bilderbuch der Welt“ sind für sie Trost und Ruhepunkt wie Inspiration und Erinnerung wie Verheißung des Paradieses, des „Wesens des ersten Menschens“.

Überall hängt noch ein Fetzen Paradies. Gehst du auch daran vorüber – nur einige Menschen erkennen wieder das schimmernd erhaltene Beet allererster Heimat. Die ganze Welt war einmal … Paradies (…) Unser aller Korn war ja schon gesäet am sonnigen Abhang der ersten Menschen und eine Begegnung mit dem Paradiesfetzen bedeutet ein Wiedersehen der Heimat. Überall hängt noch ein Überbleibsel Edens, selbst am Lärm der Stadt. Ein lichtes Wort, ein magisches Blatt, die silberne Wolke hoch, in der Kleinodie Liebender, im Kusse der Lippe liebentlang. Die noch lichte Welt war die gestaltgewordene Liebe, die junge Gottheit selbst. Wir alle suchen nach dem Fetzen Paradies mit der Inbrunst unserer ganzen Kraft. (…) Wer vom Paradies lernen will, setze sich unter die Bäume, unter einem einzigen paradiesischen Blatt läßt sich schon säumen. Sein ganzer Zweig sehnt sich nach dem Ewigkeitslichte. Seiner Ehrwürden Pflanzlichkeit dem Ahorn bin ich zum höchsten Dank verpflichtet für seine Paradiesweisheit: das winzigste Leben der Welt sehnt sich zu entdunkeln.

[Bd.4.1, S. 158ff] Else Lasker-Schüler, Korzert, Kapitel 40

So klagt sie, dass wir das „von Gott anvertraute Abendland nicht liebevoll genug gepflegt“ haben und die Welt nur als „kühle Formel“ verstehen. Aus heutiger Sicht mutet folgende Passage visionär an:

So haben wir es also mit der Natur verdorben, mit der weißen und mit der grünen, mit dem grünmunteren Laubvolk, das uns den Ozon und den Atem des Lebens kredenzte. Auch die Unberechenbarkeit von Allzuheiß bis zum Allzukalt ist die Folge der aus den Fugen geratenen Pflanzenwelt. Sie wurde tödlich getroffen und verwirrt. Denn die Natur ist nicht des Menschen Schemel, den er rücken oder gar durchsägen kann nach Belieben und zerstören und zertreten‘ gleichzeitig.

[Bd.4.1, S. 291] Als die Bäume mich wiedersahen

Bei den Gärten in der Stadt hat sie daher eine klare Vorliebe:

Und nichts geht dem Naturinnern so – contre coeur, als die von Menschenhand planmässigen angelegten Parkanlagen frisierter Wiesen und wohlerzogener Bäume zwischen hochmütigen kühlen Göttinnen und scherzenden Marmoramoretten. Es sind die steifen, grün tapezierten Empfangssäle avancierter holder Gärten und ihrer Brüder noch urwüchsiger, unberührter Erstnatur. Wild rauscht ihr wuchtiges Verlangen nach der Flamme; der dröhnende Donner legt um die Rinde seine glühende Zackenhand. Nur noch wenige Menschen erinnern sich an das Paradies, an unsere durchlichtete Welt; durch jeden Tautropfen grünte die Erleuchtung. Nun verweilen wir im dunkel gewordenen Eden, die meisten der Menschen in den Kellern ihrer Herzen. Und vielen unter ihnen geht nie ein Funke auf, auch nur die blasseste Liebe zu Gott und ihren Nebenmenschen. Und nicht beschämt sie die Morgenröte, die ihren Glanz aus der Himmelskuppel verschwenderisch über die Erde breitet. Diesen Menschen entspringt von Geschlecht zu Geschlecht der armselige Mensch der Unwelt, der beiträgt, neues Aufglimmen paradiesischen Zustands, zu verhindern.

[Bd.4.1, S. 284] Die Seele und ihr Licht – Eine Psalmodie

Warum also ein Fotowettbewerb und Stadtspaziergänge auf den Spuren Else Lasker-Schülers? Weil sie die Gärten ihrer Heimatstadt Elberfeld geliebt hat und weil das Naturerlebnis ihrer Kindheit sie geprägt hat. Ihre biografischen Texte sind eine Quelle für eine subjektiv gefasste Karte der Garten- und Stadtgeschichte. Ihre poetisch gefasste Biografie könnte heutzutage zu einem Dérive, einem psychogeografischen Stadtspaziergang werden, dem es um Interesse, Intuition und Interaktion, sowie um Wege und Ereignisse geht. Ihre Texte sind ihr Zeugnis der Erinnerung an ein kindliches Herumtreiben, Abdriften und Erleben. Sie lassen uns unsere eigene Heimatstadt mit neuen Augen aber auch mit allen anderen Sinnen kennenlernen.